Solidus

Geschichte begreifen Jan / Feb 2018

Äußerst seltener Dirham des Orhan Ghazi

724 - 761 H. / 1324 - 1360 / Bursa (Brusa)
Revers: Nennung Orhans und seines Vaters Osman. Außen die vier ersten Kalifen
Avers: Schahada. Außen die vier ersten Kalifen

Orhan Ghazi war ein osmanischer Bey, der eines der türkischen Fürstentümer (Beyliks) am Rande des spätbyzantinischen Reiches in Anatolien regierte, die im Gefolge des Zerfalls des Reiches der Rum-Seldschuken entstanden waren. Er legte die Grundlagen für die bald dominierende Stellung des zukünftigen osmanischen Sultanats durch die Eroberung byzantinischer Gebiete in Nordwestanatolien und einiger türkischer Beyliks. Eine geschickte Bündnispolitik und verschiedene Reformen im Inneren seines Herrschaftsgebiets stärkten die Stellung des aufstrebenden osmanischen Reiches. Das neue Selbstbewusstsein fand auch Ausdruck in eigenen Münzprägungen.

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Diese orientierten sich zunächst am Vorbild der Ilkhaniden (mongolische Dynastie in Persien), welche bis dato die Region politisch dominiert hatten. Kurz darauf (unter Orhans Sohn Murad I.) entstanden eigene, typisch osmanische Gepräge. Das hier vorgelegte, äußerst seltene Exemplar imitiert noch einen Dirham der Ilkhane. Die Vorderseite der Münze folgt dem geläufigen Schema islamischer Prägungen, indem sie das Glaubensbekenntnis (Schahada) und an den vier Außenseiten die Namen der ersten vier Kalifen nennt. Auf der Rückseite wird ein Vierpass gleichfalls von den Namen der vier Kalifen eingerahmt, was als eindeutiges Bekenntnis im Sinne der Sunna verstanden werden kann.

Im Inneren des Vierpasses nennt Orhan selbstbewusst seinen eigenen Namen und den seines Vaters Osman, nach dem die Dynastie benannt ist. Zugleich wird die unter Orhan eroberte byzantinische Stadt Bursa (Brusa) als Prägestätte aufgeführt, die rasch zu einer Hochburg osmanischer Machtausübung geworden ist.

Ein anderer Dirham Orhans führt auf der Rückseite anstelle der vier Kalifen viermal „Ali“ auf, was als Beleg für die These vom Einfluss der Schi’a im frühosmanischen Reich aufgefasst werden könnte (Ehlert 02-Bur-32-1b). Die Deutung der zweifachen Nennung der vier rechtschaffenen Kalifen auf Vorder- und Rückseite der hier vorgestellten Münze als ein eindeutig sunnitisches Bekenntnis steht hierzu jedoch im Widerspruch. Ein nicht gedeutetes Wort wird auch auf einem anderen vergleichbaren Exemplar wiederholt (Damali 2-BU-G6b). Die Wiederholung von Wörtern kann ebenso mit der mangelnden Schriftbeherrschung von Stempelschneidern zusammenhängen. Verderbte oder fehlerhafte Inschriften sind in der frühosmanischen Prägung keine Seltenheit. Manche Stempelschneider erleichterten sich die Herstellung der Stempel durch Vereinfachungen und ließen Schriftzüge teils zu reinen Ornamenten degenerieren. Dies war insbesondere bei der Rückseite möglich, wohingegen für die Vorderseite mit der Schahada mehr Wert auf ein korrektes Schriftbild gelegt und grundsätzlich größere Sorgfalt angewendet wurde. Denkbar ist auch, dass die Herstellung von Vorder- und Rückseitenstempel in den Händen verschiedener Stempelschneider lag, wobei die Vorderseite den Schriftkundigeren überlassen worden ist.

Aus Premium-Auktion 26 von Solidus Numismatik vom 17. Februar 2018, Los 374.

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